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Thema: Saarhundert
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Historische Traditionen und Kontinuitäten

Historische Rahmenbedingungen

Karte des Saargebietes von 1920 Karte des Saargebietes von 1920
Die Grenzen des Saargebietes nach dem Wortlaut des Friedensvertrages vom 25.06.1919 Foto: Saarland|Landesarchiv

Am 10. Januar 1920 trat der Versailler Vertrag in Kraft. Im Abschnitt IV seiner „Bestimmungen über Europa“ wurden die Grenzen des „Saarbeckens“ definiert. Mit dieser Abgrenzung wurde eine administrative Einheit geschaffen, die 1.922 Quadratkilometer groß war und etwa 700.000 Menschen beheimatete. Das Deutsche Reich verzichtete mit dem Inkrafttreten des Versailler Vertrages auf die Regierung dieses Gebietes zugunsten des am selben Tag ins Leben tretenden Völkerbundes. Seit Februar 1920 verwaltete der Völkerbund mit Hilfe einer von ihm berufenen „Regierungskommission“ das „Saarbecken“ als Treuhänder.

In der regionalen und überregionalen Geschichtswissenschaft wurde die 1920 beginnende „Völkerbundzeit“ in aller Regel als Auftakt eines „saarländischen Sonderweges“ thematisiert, der vier Jahrzehnte lang währte und mit der Eingliederung des Saarlandes in die Bundesrepublik 1957/59 endete.

Eigenständigkeit

Mit den Regelungen des Versailler Vertrages wurde erstmals in der Geschichte ein saarländisches Territorium definiert, das jenseits der europäischen Kernstaaten Deutschland und Frankreich existierte. Ungeachtet seines provisorischen Charakters und seiner historischen Selbstverortung in deutscher Nation und Kultur wurde damit eine Disposition zur Eigenständigkeit begründet, die es bis dahin nie gegeben hatte.

Die Bedeutung dieser Disposition ist oft unterschätzt worden, nicht zuletzt, weil im Vordergrund der Forschung immer die nationale Frage bzw. das Votum für den Anschluss an NS-Deutschland standen. Aber selbst der antagonistische Abstimmungskampf 1933/35 entwickelte nicht nur zentrifugale, sondern auch integrative Kräfte. Denn der Streit über die politische Zukunft des Saargebiets forcierte immer auch die Kommunikation über das Land selbst – und untermauerte damit dessen Existenz.

Diese fünfzehnjährige Existenz des Saargebietes entfaltete offenkundig eine große normative Kraft des Faktischen. Tatsächlich wurde der Weg einer saarländischen Eigenständigkeit nach 1935 nicht mehr verlassen. Mit unterschiedlichen Intentionen haben sehr verschiedene historische Akteure das Saarland als Entität erhalten: Der NS-Staat als Verwaltungseinheit unter einem Reichskommissar, Frankreich als eigenes Besatzungsgebiet und später als teilautonomen Staat, schließlich die Saarländer selbst als Begründer ihres Bundeslandes.

Industrieland

Die politische Entscheidung für die Schaffung eines eigenständigen Saarlands fiel vor allem aus wirtschaftlichen Gründen. Nur weil auf dem Fundament seiner Bodenschätze im 19. Jahrhundert ein prosperierendes Montanrevier an der Grenze zu Frankreich entstanden war, wurde das „Saarbecken“ überhaupt zum Objekt der Versailler Vertragsverhandlungen. Von nachhaltiger Bedeutung war dabei die Tatsache, dass die Übereignung der Kohlengruben an Frankreich mit der Abgrenzung eines Territoriums einherging, das sowohl die Industriestandorte als auch die Wohnorte der Arbeiterschaft umfasste. Auf der Basis von Kohle und Stahl, von Bergleuten und Hüttenmännern, entstand ein Industrieland Saar, das sich in seiner ökonomischen und seiner soziokulturellen Homogenität von allen anderen staatlichen Einheiten Deutschlands unterschied. Das Bundeland Saarland besteht territorial zu 75% aus dem früheren Saargebiet. Nur ein Viertel seiner Fläche kam in Form vorwiegend ländlicher Regionen nach dem zweiten Weltkrieg dazu.

Auch wegen dieser hohen Kongruenz ist die Tradition des Industrielandes über alle politischen Umbrüche des 20. Jahrhunderts hinweg im Kern bis heute lebendig geblieben. Sie ist in der saarländischen Mentalität ebenso greifbar wie in den Fragen des Strukturwandels und der Umformung in ein Industrieland 4.0.

Demokratie und Selbstbestimmung

Fast genau ein Jahr vor dem Inkrafttreten des Saarstatuts konnten die Saarländer zum ersten Mal in ihrer Geschichte das Recht auf allgemeine, freie und gleiche Wahlen wahrnehmen. Mit dieser Wahl zur Weimarer Nationalversammlung hatte das nachmalige Saargebiet seinen Anteil am Gründungsakt der ersten Demokratie auf deutschem Boden. Im Gegensatz dazu war in der Völkerbundzeit der saarländische Einfluss auf die politische Willensbildung des eigenen Landes eingeschränkt. Die demokratischen Defizite, vor allem die fehlende Legitimierung der internationalen Regierungskommission, wurden schon von den Zeitgenossen kritisiert und auch in historischen Forschungen stets in den Vordergrund gestellt.

Im Schatten dieses Vorbehalts wurden die Möglichkeiten der demokratischen Teilhabe sowie der politischen Selbst- und Mitbestimmung bisher zu wenig gewürdigt. Das gilt erstens für die Lernprozesse auf kommunaler Ebene, wo erstmals parteipolitische Pluralität mit demokratischen Spielregeln eingeübt werden konnte. Das gilt zweitens für die Einrichtung des Landesrats, mit dem es an der Saar seit 1922 das erste gewählte Landesparlament gab, das trotz eingeschränkter Funktionen einen beträchtlichen Einfluss auf die politische Willensbildung des Saargebiets besaß. Das gilt drittens für den saarländischen Minister in der fünfköpfigen Regierungskommission, der dem Land vor allem in der Amtszeit Bartholomäus Koßmanns eine wichtige Stimme gab. Und das gilt schließlich ganz besonders für das im Versailler Vertrag verbriefte Selbstbestimmungsrecht, mit dem die Saarländer ein Kapitel internationaler Demokratiegeschichte schreiben konnten.

Frankreich, Europa und internationale Gemeinschaft

Ohne Frankreich und den Völkerbund – dem Vorgänger der UN – würde es ein eigenständiges Saarland nicht geben. Der Gründungsakt von 1920 verdankte sich letztlich dem antagonistischen Zusammenspiel von Frankreichs Sicherheitsinteressen und der vom amerikanischen Präsidenten Wilson forcierten Idee einer institutionalisierten Völkergemeinschaft. Beide „Gründerväter“ haben sich auf unterschiedliche Weise in die saarländische Geschichte eingeschrieben. Frankreich, die Sieger- und Besatzungsmacht, war zwar 15 Jahre lang der große Gegenspieler des fast unisono „deutsch“ auftretenden Saargebietes. Dennoch haben die Franzosen – als Administratoren, Arbeitgeber, Bildungsträger oder Kulturschaffende – auch Spuren hinterlassen, die nachhaltig über das Jahr 1935 hinauswiesen und eine bis heute lebendige Tradition begründeten.

Ebenso spürbar war die Internationalisierung des Saargebietes. Sie brachte kulturelle Errungenschaften wie eine Kunstschule in Bauhaus-Tradition oder ein Saarlandmuseum mit Avantgarde-Kunst. Sie war aber vor allem politisch sichtbar. Die Idee von der Saar als europäischer Brücke zwischen Frankreich und Deutschland wurde erstmals in diesem Klima formuliert. Die internationale Politik des Saargebiets zeigte sich aber auch ganz konkret, in der Volksabstimmung von 1935. Diese wurde als Ausdruck des Selbstbestimmungsrechts der Völker durchgeführt und von internationalen Abstimmungstruppen überwacht, die an der Saar quasi den ersten „Blauhelmeinsatz“ der Geschichte leisteten.

Saarländische Identität

„Das Saarland den Saarländern“ lautete eine berühmt gewordene Kampfparole in den 1920er Jahren. Die Wirkungsmacht saarländischer Identitätsbildung in der Völkerbundzeit wird gerade durch die Tatsache belegt, dass diese Parole ausgerechnet von einer frankophilen Splittergruppe in Umlauf gebracht worden war. Das Saargebiet, ein Kunstprodukt der internationalen Nachkriegsordnung, ein nationaler Zankapfel zwischen Deutschland und Frankreich, fand im Streit um den „richtigen“ Weg „heim ins Reich“ auch und vor allem zu sich selbst.

Dass die identitätsstiftende Selbstwahrnehmung gerade in einer Zeit schmerzlich empfundener Fremdbestimmung geboren wurde, war kein Zufall. Entscheidend war dafür allerdings jener politische Akt, der ein separates Saar-Land erst geschaffen hatte. Erst danach ließen sich vormalige Preußen oder Bayern als Saarländer definieren, konnte man sich sogar ein grafisches Gesamtbild von seiner Heimat machen, das konsequenter Weise seinen Weg bis in die Werbebroschüren fand. Das zeitgenössische Marketing ist der beste Indikator für den erfolgreichen Beginn saarländischer Identitätsbildung. Zahlreiche Firmen und Unternehmen trugen auf einmal die Saar oder das Saarland im Namen, Kaufhäuser priesen ihr Schaufenster als schönstes im Saargebiet und sogar Briefmarkenhändler konnten mit dem Verkauf seltener Saarmarken werben.