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Koordinierungsstelle gegen häusliche Gewalt
 

Eigendynamik von Gewaltbeziehungen

Die Gewaltspirale

Beziehungen, in denen Gewalt ausgeübt wird, unterliegen häufig einer Dynamik, die unabhängig von den einzelnen Persönlichkeiten einem bestimmten Muster folgt. Typisch ist dabei, dass die Gewalt sich zyklisch wiederholt, wobei mit der Zeit sowohl die Abstände zwischen den einzelnen Gewaltakten geringer werden als auch die Taten in ihrer Schwere zunehmen.

Die erste Phase der Spirale bildet die eigentliche Gewalttat beziehungsweise die -taten. Unmittelbar danach ist der Täter typischerweise über das eigene Tun entsetzt, empfindet tiefe Reue, entschuldigt sich bei dem Opfer und verspricht, dass es nie mehr vorkommen wird. Da er selbst von diesem Vorsatz überzeugt und die Reue – zu diesem Zeitpunkt - echt ist, wirken sie sehr glaubwürdig. Sie können das Opfer häufig bewegen, ihm/ihr „eine neue Chance zu geben“.

In der nächsten Zeit bemüht sich der Täter um zuvorkommendes Verhalten. Es kommt zu einer neuen Annäherung, nicht selten zu einer „neuen Verliebtheit“.

Weder die Gewaltausübung selbst noch die Konflikte, die ihr möglicherweise zugrunde liegen beziehungsweise der durch die Gewalt ausgerückte Dominanzanspruch, werden offen thematisiert.

Zugleich setzt ein Prozess der Verantwortungsverschiebung ein: der Täter entschuldigt das eigene Handeln zunehmend mit äußeren Anlässen oder rechtfertigt es mit (Fehl-) Verhalten des Opfers („sie hat es verdient“ oder „sie hat doch gewusst, dass ihn dieses oder jenes auf die Palme bringt“).

Die alten, unbearbeiteten Konflikte brodeln. Irgendwann entscheidet der Täter, dass „es reicht“ und er schlägt (bewusst) zu. Der Kreis schließt sich beziehungsweise die Spirale dreht sich steigend weiter (Walker).

In Praxis und Wissenschaft wurde lange Zeit dieses Muster der Gewaltspirale als dasjenige angenommen, das nahezu alle Gewaltausübung in Paarbeziehungen prägt. Inzwischen zeichnen neuere Forschungsergebnisse ein differenzierteres Bild, geben erste Hinweise, dass unterschiedliche Dynamiken und Entwicklungen möglich und verschiedene Muster von Gewalt in Paarbeziehungen wirksam sein können“ (Repräsentativ-Untersuchung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend)

Danach lassen sich zwar die für die Gewaltspirale typischen Tendenzen einer Zunahme der Gewalt hinsichtlich Frequenz und Intensität für die Mehrheit der befragten Frauen feststellen (47 beziehungsweise 37%). Zugleich aber gibt ein beachtlicher Teil an, dass Häufigkeit und Intensität auf dem gleichen Level blieben (27 beziehungsweise 37%) und weitere 23 beziehungsweise 19%, dass die Gewalt abnahm oder sogar ganz aufhörte. (Repräsentativ-Untersuchung des Bundesministe-riums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend)

Das von Barbara Kavemann und Cornelia Helfferich entwickelte „Modell der Übergänge“, das dem in der Delinquenztheorie oder im Suchtbereich üblichen „Karrieremodell“ nachgebildet wurde, vermag neben den hochambivalenten Gewaltbeziehungen, wie sie im „klassischen“ Modell der Gewaltspirale beschrieben wurden, auch einmalige Gewalthandlungen zu integrieren und darüber hinaus zu erläutern, wie Ausstiegstore aus der Gewaltspirale entstehen.

 

Das Modell der Übergänge

Der ersten Gewaltausübung, kommt eine besondere Bedeutung zu, denn die Beziehung kann hinter dieses „erste Mal“ nicht zurück. Danach gibt es - eine nur vermeintlich banale Feststellung - die Möglichkeit, aus den oben genannten Gründen zu bleiben ebenso wie die Möglichkeit gleich zu gehen, was einige Frauen auch tun.

Wenn die Frau bleibt, gibt es weitere Vorfälle. Die Gewalt eskaliert stufenförmig, sei es, dass der Mann erstmalig die Kinder angreift, sei es, dass er Kontakte verbietet oder die Frau vor ihren Eltern beschämt… Nach jeder Stufe sind die Ausgangsvoraussetzungen für die Entscheidungen neu gegeben, denn jede neue Stufe der Gewalt fördert auch Wut oder Ekel und kann Reserven mobilisieren, die zu kleinen Loslösungsschritten führen.

„ Diese kleinen Schritte haben ein eigenes ‚das erste Mal’: das erste Mal – vielleicht heimlich – zu einer Anwältin gehen, das erste Mal Widerstand leisten, das erste Mal mit Trennung drohen, das erste Mal sich selbst behaupten, vielleicht auch das erste Mal die Polizei rufen.“ (Helfferich/Kavemann)

Auch diese Schritte scheinen zu „eskalieren“ bis hin zu einem Punkt, an dem Angst und Scham egal sind und ein (endgültiges) Verlassen möglich wird – vielleicht auch, weil die äußeren Umstände wie der Platzverweis einen letzten Ausschlag geben. In einigen Fällen braucht das Verlassen eine letzte und zum Teil lebensbedrohliche Zuspitzung. (Helfferich/Kavemann)

Für Außenstehende ist das allmähliche Loslösen aus der Gewaltbeziehung kaum oder nur schwerlich zu bemerken ist. „Viele Schritte ‚scheitern’ zunächst, nimmt man als Maßstab eine rasche Veränderung der Gewaltsituation, sind aber dennoch wichtig“ (Helfferich/Kavemann)

Dies gilt auch hinsichtlich des Umstandes, dass viele Frauen (gut 40%) Flucht- und Trennungsversuche unternehmen, unter Umständen wieder zurückkehren und erst in einem zweiten, dritten oder sogar auch vierten Anlauf die Hürde Trennung überwinden. (31% der Frauen flüchten einmal, 38% zwei- bis dreimal und 27% häufiger. In 87% der Fälle kam es nach der Rückkehr erneut zu Gewalthandlungen. (Repräsentativ-Untersuchung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend)

 

Quellen:

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland“. 2004

Cornelia Helfferich / Barbara Kavemann: „Wissenschaftliche Untersuchung zur Situation von Frauen und zum Beratungsangebot nach einem Platzverweis bei häuslicher Gewalt“ im Auftrag des Sozialministeriums Baden-Württemberg

Lenore E. Walker: „Warum schlägst du mich?“, München 1994