Saarland.de - Startseite
   Benutzerhinweise    Inhalt    Suche
Justizvollzugsanstalt Ottweiler
 

Die Zugangsabteilung / Basisdiagnostik

Aufgrund der eher überschaubaren Größe der Anstalt existiert keine räumlich zusammengefasste Zugangsabteilung, wie dies in großen Anstalten anderer Bundesländer der Fall ist. Gleichwohl beginnt der behandlungsorientierte Strafvollzug in der JVA Ottweiler ebenfalls mit einer umfassenden und intensiven Basisdiagnostik, denn auch bei uns gilt: eine erfolgversprechende Behandlung braucht zuerst eine sehr gute Diagnostik! Diese Diagnostik wird von verschiedenen Mitarbeitern unterschiedlicher Professionen durchgeführt und deren Ergebnisse werden von einem Sozialdienst, der mit der Verwaltung aller Diagnoseergebnissen betraut ist, zusammengefügt. Aus diesen Erkenntnissen entwickelt der Sozialdienst der „Zugangsabteilung" den individuellen Erziehungs- und Förderplan, welcher sodann in der Zugangskonferenz verhandelt und beschlossen wird.

Die Basisdiagnostik ist zentraler und unverzichtbarer Bestandteil eines ziel- und bedarfsorientierten Strafvollzuges, da sie die Grundlage einer differenzierten Beurteilung des individuellen Förder- und Behandlungsbedarfs darstellt. Der Begriff der Basisdiagnostik findet hinsichtlich der zunehmend zu konstatierenden psychischen Auffälligkeiten und therapeutischen Behandlungsbedürftigkeit vieler Straftäter in letzter Zeit immer stärkere Anwendung im Strafvollzug. Neben den rein medizinischen und psychisch-therapeutischen Faktoren fließen in die Basisdiagnostik ebenso sozialisations- und entwicklungsrelevante Aspekte der ganzen Person mit ein. Insofern werden der in der JVA Ottweiler durchgeführten Basisdiagnostik auch die Sozialanamnese, kognitiv-intellektuelle Fähigkeiten, bestimmte Bildungsaspekte sowie Kompetenzen im motorischen Bereich zugeordnet.

Neben der ressourcenorientierten Zielrichtung werden gleichzeitig auch Analysebereiche hinsichtlich bestehender Risikofaktoren untersucht. Diese betreffen primär die Delinquenzentwicklung sowie Sucht-, Sexual- und Gewaltanamnese.

Somit wird bereits im Vorfeld von Behandlungsmaßnahmen ein möglichst weites Feld von Auffälligkeiten und Besonderheiten im Verhalten und der Persönlichkeit eines jedes Gefangenen erfasst. Durch die Einbeziehung aller Dienste wird es möglich, ein umfassendes und differenziertes Bild des Jugendlichen zu erstellen, welches die Grundlage für die weitere Vollzugsgestaltung bildet. Hinsichtlich der sich zumeist komplex darstellenden Problemfelder wird eine realistische Interventionsprognose erstellt, und es werden individuelle Vollzugsziele festgelegt, die mit den vorhandenen Förder- und Behandlungsinstrumentarien erreichbar erscheinen.

 

Physische und psychologische Diagnostik

Die Eingangsdiagnostik dient bereits dazu, bestimmte Auffälligkeiten – wie beispielsweise mangelnde Körper- und Haftraumhygiene, impulsives oder aggressives Auftreten, motorische oder kognitive Einschränkungen, Antriebslosigkeit oder nicht zuletzt suizidale Gefährdung – zu erkennen und bei entsprechenden Tendenzen rechtzeitig vorzubeugen sowie den psychologischen und medizinischen Dienst in seiner Diagnostik zu unterstützen. Dadurch wird ein professioneller Umgang mit physisch oder psychisch erkrankten Häftlingen gewährleistet und letztlich auch die Haftfähigkeit des Einzelnen überprüft.

Durch die unmittelbar nach der Inhaftierung einsetzende medizinische Diagnostik lassen sich Erkrankungen jeglicher Art feststellen, die gleichwohl eine akute Gefährdung des Erkrankten selbst als auch seines Umfeldes darstellen könnten. Lebensbedrohliche Krankheiten können durchaus auch bei jugendlichen Straftätern vorkommen, insbesondere infolge der Ansteckung bei Rauschmittelkonsum. Hinsichtlich der psychischen Auffälligkeiten bilden die beim Strafantritt bereits erkannten und im elektronischen Erhebungsbogen dokumentierten Verhaltensmerkmale eine erste Grundlage für weitere Behandlungsmaßnahmen sowie eine spezielle psychologische Diagnostik, die im weiteren Vollzugsverlauf je nach Bedarf ergänzt werden kann. Dabei liegt neben der Erhebung normalpsychologischer Merkmale ein Schwerpunkt auf einer differenzierten Betrachtung verschiedenartigster psychischer oder persönlichkeitsrelevanter Akzentuierungen, Störungen und Krankheitsbilder.

Die im Vollzugsplan dokumentierten Ergebnisse medizinischer und psychologischer Diagnostik und therapeutisch-behandlerischer Maßnahmen fließen – unter Beachtung aller datenschutzrechtlichen Vorgaben – später auch in den Nachsorgebereich mit ein, um eine weitergehende bedarfspezifische Betreuung nach der Entlassung zu ermöglichen und abrupte Übergänge im Behandlungsverlauf zu vermeiden. Zudem dienen die Informationen als Grundlage einer weiteren Kooperation mit externen Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiatrien.

Sozialanamnese

Einen wesentlichen Bestandteil der Basisdiagnostik bildet die Sozialanamnese. Hierbei wird in erster Linie die Biographie des Gefangenen in allen relevanten Details aufgearbeitet, wobei Fragen der persönlichen Entwicklung, der familiären Strukturen und des unmittelbaren gesellschaftlichen Kontextes sowie des Freizeitverhaltens im Vordergrund stehen. Teile der Sozialanamnese werden auch als Auffälligkeiten bereits frühzeitig in der Untersuchungshaft dokumentiert.

Ziel ist eine umfassende Rekonstruktion des bisherigen Lebensverlaufs unter Herausarbeitung zentraler Faktoren, die die gesamte kriminelle Entwicklung maßgeblich beeinflusst haben. Dabei ist zu beachten, dass die Häftlinge meist aus einem sozialen Umfeld stammen, in denen gesellschaftliche Normen nur sehr gering internalisiert worden sind. Nicht selten zeichnet sich ihr soziales Umfeld gerade durch Desintegration aus. Die Sozialanamnese bildet insofern eine entscheidende Grundlage für das Verständnis der jeweiligen Ursachen von Delinquenz und steht damit ganz am Beginn der individuellen Förderplanung.

Die Biographieaufarbeitung findet vor allem in Einzelgesprächen mit den Fachdiensten – insbesondere mit dem Sozialdienst der „Zugangsabteilung" – statt. Dabei wird durchaus auch auf Erfahrungswerte anderer Institutionen, die bereits im Vorfeld des Strafvollzuges involviert waren, zurückgegriffen. Bestandteil der Sozialanamnese ist ebenfalls, das Suchtverhalten nach den standardisierten ICD-10-Kriterien zu diagnostizieren und einzustufen. Die Ergebnisse der Sozialanamnese und der drogendiagnostischen Befunde werden im elektronischen Vollzugsplan dokumentiert und allen am Behandlungsprozess Beteiligten zugänglich gemacht.

 

Persönlichkeitsdiagnostik

Parallel zur Sozialanamnese erfolgt durch den Psychologischen Dienst eine Persönlichkeitsdiagnostik. Anhand von Verhaltensbeobachtungen, standardisierten Testverfahren in Form von Persönlichkeitstests sowie gezielter Exploration werden Persönlichkeitseigenschaften erfasst, die sich in der Lebensgeschichte der Gefangenen als Anpassungsversuch an die gegebenen Umweltbedingungen entwickelt haben und die ebenso das gegenwärtige und zukünftige Erleben und Verhalten maßgeblich generieren. Bei diesen Verhaltensdispositionen handelt es sich meist um Merkmale, welche den individuellen Charakter des Gefangenen beschreiben und sich zeitlich relativ stabil darstellen. Neben Faktoren wie Lebenszufriedenheit, sozialer Orientierung, Offenheit, Extraversion und Neurotizismus werden auch forensisch hoch relevante Aspekte wie spontane Aggressivität, reaktive Aggressivität, Aggressionshemmung sowie Erregbarkeit erfasst. Eine dezidierte Analyse der Täterpersönlichkeit spielt im Rahmen der Tataufarbeitung eine unabdingbare Rolle bei dem Prozess des Verstehens und Nachvollziehens der Delinquenz und ist somit Basis für weitere vollzugliche Entscheidungen wie die Zuweisung geeigneter und individuell auf den Häftling abgestimmter Behandlungsmaßnahmen.

Die Beschreibung der Persönlichkeit bewegt sich dabei in der Regel im normalpsychologischen Bereich; es sind jedoch zunehmend – selbst im Regelstrafvollzug – auch pathologische Profile zu beobachten.

Kognitiv-intellektuelle Fähigkeiten und Bildungsniveau der jugendlichen Gefangenen

Ebenso unverzichtbar, zumindest für den Bereich des Jugendstrafvollzuges, ist im Rahmen der Basisdiagnostik eine Feststellung der für den Bildungsbereich relevanten Kompetenzen. Dazu werden zunächst die kognitiv-intellektuellen Fähigkeiten aller der Anstalt zugehenden jugendlichen Gefangenen anhand von standardisierten Testverfahren zur Ermittlung eines Intelligenzquotienten überprüft. Hierzu stehen mehrere Testinstrumente zur Verfügung, wobei sich angesichts der sich kontinuierlich verändernden Gefangenenklientel in den letzten Jahren solche Verfahren als sinnvoll erwiesen haben, die durch ihre spezielle Konzeption den jeweiligen individuell-spezifischen ethnisch-kulturellen Hintergrund der einzelnen Testkandidaten als zu vernachlässigende Komponente berücksichtigen. Insofern wird das rein intellektuelle Leistungsvermögen überwiegend mit einem sprachfreien, so genannten "Culture-Fair"-Testverfahren durchgeführt.

Allgemein anerkannte Testmethoden dieser Art bieten darüber hinaus auch die Möglichkeit, sprachliche und mathematische Basiskompetenzen in standardisierter Form zu erfassen, wodurch zunächst eine erste Grundeinschätzung des schulischen Leistungsniveaus ermöglicht wird. Hinsichtlich der Entscheidung, für welche Bildungsmaßnahme ein Gefangener letztlich geeignet ist, kommen in Anschluss weitere speziell auf das Qualifizierungsangebot abgestimmte Überprüfungen zum Einsatz.

Gefangene mit Migrationshintergrund, deren konsequenter Erwerb der deutschen Sprache sich nicht durch das reguläre Durchlaufen des deutschen Schulsystems nachweisen lässt und die augenscheinlich über erhebliche Sprachdefizite verfügen, werden in einem ebenfalls standardisierten Testverfahren auf ihre Deutschkenntnisse hin überprüft und nach bundesweit anerkannten Qualifikationskriterien, die auch bei der Entscheidung über eine Einbürgerung relevant sind, eingestuft.

Neben den ermittelten Bewertungen und Einstufungen lassen sich anhand solcher Testabläufe natürlich auch differenzierte Beobachtungen hinsichtlich des Konzentrationsvermögens, der generellen Motivation und des Sozialverhaltens ableiten, die – wie alle anderen Ergebnisse auch – als Grundlage der Bedarfsermittlung in den elektronischen Vollzugsplan einfließen.

Diese Verfahrensweise nach standardisierten Methoden wird ergänzt durch pädagogische Zugangsgespräche, in denen mit jedem einzelnen Gefangenen die jeweilige schulisch-berufliche Biographie in allen relevanten Details aufgearbeitet wird. Da die schulische Laufbahn in den weitaus überwiegenden Fällen von Misserfolgen gekennzeichnet ist, gilt es insbesondere, die jeweiligen Brüche in den einzelnen Entwicklungsverläufen sowie die Ursachen bisherigen Scheiterns klar herauszustellen, da sie die zentralen Stellen sind, an denen eine künftig erfolgsorientierte Behandlung ebenso ansetzen muss, wie es auf bereits vorhandenen Kompetenzen und erreichten Qualifikationen aufzubauen gilt. Die einzelnen Verlaufsanalysen machen deutlich, dass die Gründe für gravierende Bildungsdefizite in der Regel nicht ausschließlich im schulischen Bereich zu finden sind, sondern in engem Zusammenhang mit anderen Ursachen der Delinquenzentwicklung zu betrachten sind. Insofern fließen auch alle den Bildungsbereich betreffenden Befunde in die Vollzugsplanung ein.

 

Handwerklich-motorische Kompetenzen

Neben den geistigen Voraussetzungen sind die handwerklich-motorischen Fähigkeiten und praktischen Vorkenntnisse von ebenso wichtiger Bedeutung für ein bedarfsgerechtes und möglichst langfristig angelegtes Förderangebot. Nur ein verschwindend geringer Anteil der jugendlichen Inhaftierten verfügt über berufliche Vorerfahrungen, an die sich problemlos anknüpfen ließe. Das bedeutet jedoch nicht, dass entsprechende Fähigkeiten nicht grundsätzlich vorhanden wären. Diese werden mit dem standardisierten handwerklich-motorischen Eignungstest "hamet 2" überprüft, der speziell für Jugendliche entwickelt wurde, deren Integration in die Berufswelt sich als schwierig erwiesen hat und der bundesweit auch von den Arbeitsagenturen anerkannt ist. Damit lassen sich nicht nur handwerkliche und auf die berufliche Eignung bezogene Basiskompetenzen, sondern auch die für den Arbeitsalltag notwendigen sozialen Kompetenzen ermitteln. Insofern spielen neben den rein praktischen Fertigkeiten auch Faktoren wie Motivation, Durchhaltevermögen, selbstständiges und strukturiertes Arbeiten, Sorgfalt, Zuverlässigkeit eine ebenso große Rolle wie Kommunikations-, Kooperations- und Kritikfähigkeit oder korrektes Verhalten, Frustrationstoleranz und Konfliktbewältigung.

Da dieses Testverfahren zeitlich umfangreich ist und der personelle und materielle Aufwand in angemessener Relation zum jeweiligen Nutzen stehen sollte, wurden besondere Zuteilungskriterien für die "hamet 2"-Testung erarbeitet, weil sie nicht als zwingend notwendig für alle Gefangenen erachtet wird. Demnach ist der Test für solche Gefangene verbindlich, die ein unterdurchschnittliches Ergebnis hinsichtlich ihrer intellektuellen Leistungsfähigkeit erzielt haben, die bislang ohne jegliche schulische oder berufliche Perspektive dastehen oder deren berufliche Eignung völlig unklar und fragwürdig erscheint. Darüber hinaus werden auch alle Gefangenen einbezogen, die der Arbeitstherapie zugeteilt sind.

Die Ergebnisse, die einen differenzierten Blick auf das handwerkliche Geschick und die für das Berufsleben benötigten Schlüsselqualifikationen erlauben, werden mit den Testkandidaten in Einzelgesprächen gemeinsam erläutert und hinsichtlich ihrer Relevanz für die weitere berufliche Perspektive erörtert. Dabei werden die im Test erbrachten Leistungen mit der Selbsteinschätzung eigener beruflicher Basiskompetenzen und selbst formulierten beruflichen Vorstellungen der Teilnehmer verglichen. Die erreichten Normwerte werden abschließend in den elektronischen Vollzugsplan eingetragen.